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Personalnotstand im Pflegesektor

09.04.2018

17.000 bundesweit aktuell nicht zu besetzende Stellen weist eine vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. erhobene repräsentative Studie aus, deren konkrete Ergebnisse im April 2018 veröffentlicht werden. Professor Michael Isfort betonte in Funktion als Studienleiter, dass nach Auswertung der Daten von 1.067 Einrichtungen der voll- und teilstationären Langzeitpflege die Personalfrage das „Nadelöhr“[1] der Gesamtproblematik darstelle. 81 Prozent der Befragten beurteilen die Bewerberlage insgesamt als unzureichend und 84 Prozent haben Schwierigkeiten, offene Stellen zeitnah zu besetzen.

 

Die momentane Lage will der am 14.03.2018 zum Bundesminister für Gesundheit ernannte Jens Spahn laut seiner Regierungserklärung mit der umgehenden Schaffung von 8.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen entspannen und nannte als mittel- bis langfristig Erfolg versprechende Maßnahmen die Einführung der Tarifbindung nach dem Vorbild der Beschäftigten an der Berliner Charité sowie einer einheitlichen Ausbildung von Alten-, Kinder- und Krankenpflegern.

 

Neben dem individuellen Meinungsbild der Mitarbeiter des Pflegesektors müssen multifaktorielle Statistiken zu Rate gezogen werden, um die Ursachen der Problematik erfassen und perspektivisch die von Jens Spahn genannten Maßnahmen zur Verbesserung realistisch beurteilen zu können. Eine im Oktober 2013 erhobene Analyse zu den Einkommens- und Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen ergab mit dem Wert von 2,4 auf einer Skala von 1 bis 5 einen sehr geringen Wert hinsichtlich der Zufriedenheit der Beschäftigten mit ihrer Bezahlung. Die Zufriedenheit mit der Arbeit insgesamt wird mit 3,3 zwar deutlich besser bewertet, dennoch liegt dieser Wert unter dem Durchschnitt aller Beschäftigten im Lohnspiegel. Viele Beschäftigte empfinden die Diskrepanz zwischen wertschätzender und damit angemessener Bezahlung und der Grundzufriedenheit, die sie durch Ausübung ihres Berufs im sozialen Bereich erhalten, als zu groß und stetig ansteigend, was nicht zuletzt dem Mehraufwand an Arbeit pro Beschäftigtem geschuldet und durch den Personal- und Fachkräftemangel verursacht ist. Seit 2007 ist das Personal in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten von 809.707 auf 1.085.758 im Jahre 2015 um annähernd 160.000 Beschäftigte angestiegen, jedoch ist im selben Zeitraum der Anteil der Vollzeitbeschäftigten von 32,75 Prozent auf 28,24 Prozent um 4,5 Prozent rückläufig. Dem gegenüber stehen 2.246.829 (2007) Pflegebedürftige bzw. 2.860.293 (2015).

 

Eine Analyse von 18 OECD-Staaten ergab, dass 2015 durchschnittlich sechs Beschäftigte im Pflegesektor auf 100 Personen im Alter ab 65 Jahre kamen und Deutschland mit einem Betreuungsschlüssel von fünf Beschäftigten unter diesem Durchschnitt lag, während in Norwegen (13 pro 100) und Schweden (12 pro 100) bessere personelle Rahmenbedingungen in der Betreuung Pflegebedürftiger gegeben sind. Wenngleich die jährlich steigenden Gesundheitsausgaben mit einem vorläufigen Rekord von 356 Milliarden Euro im Jahr 2016 und die im Zeitraum von 2007 bis 2015 mit einem absoluten Anstieg von 2.500 und einem prozentualen Anstieg von 19 Prozent gelisteten Pflegeeinrichtungen kontinuierlich aufgestockt werden, stehen diese Zahlen in einem gefühlten wie tatsächlichen Missverhältnis zu den realen Anforderungen.

 

Das Bruttomonatseinkommen beträgt in Pflegeberufen ohne Sonderzahlung auf Basis einer 38-Stunden-Woche durchschnittlich 2.412 Euro und variiert je nach Beruf zwischen 1.855 Euro und 3.131 Euro. Deutliche Unterschiede sind weiterhin geschlechtsspezifisch gegeben – Männer verdienen in der Regel mehr – und weiterhin zwischen den alten und neuen Bundesländern vorhanden. Eine generelle Unterbezahlung ist aufgrund dieser Gehälter nicht zu benennen und auch die gesetzlich vorgeschriebenen maximalen Arbeitszeiten werden nachweislich nur in wenigen Einzelfällen überschritten. Die individuell hohe Belastung resultiert demnach aus der seit Jahren geringen Personaldichte. Hinzukommend erschweren der bereits eingetretene und der zu erwartende demographische Wandel eine kurzfristige Positivkorrektur: Geburtenstarke Jahrgänge der 50er und 60er Jahre und Fortschritte der Medizin sowie ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein ermöglichen Millionen von Menschen ein langes Leben; weit jenseits der 65 Altersjahre. Somit unterliegt die Bevölkerung Deutschlands einem raschen Alterungsprozess.

 

Unter der Annahme, dass die alters- und geschlechtsspezifischen Pflegequoten unverändert bleiben und sich die Bevölkerung entsprechend der Vorausberechnungen entwickelt, könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2060 auf 4,8 Millionen steigen. Damit wären rund sieben Prozent der Gesamtbevölkerung pflegebedürftig, ein doppelt so hoher Anteil wie heute. Ein Umstand, der ein erhöhtes Personalaufkommen nach sich zieht. Diesbezüglich regulierende Steuerungsprozesse werden vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. als sich mittelfristig nivellierende, kurzfristige Zugewinne eingeschätzt. Die Kapazitätsgrenzen von System und Arbeitskräften sind bekannt; an konzeptionell tragfähigen Vorschlägen zur substanziellen Verbesserung und somit spürbaren Entlastung des bestehenden Personals und der Ausbildungssituation mangelt es.

 

 

 

Pflegebedürftige (Anzahl und Quote). Gliederungsmerkmale: Jahre, Region, Alter, Geschlecht

Diese Tabelle bezieht sich auf:
Region: Deutschland 
Geschlecht: Beide Geschlechter

 

Pflegebedürftige, Jahr (aufsteigend)

Alter

ausblendenAlle
Altersgruppen

Unter 75
Jahre

75 bis
unter 85
Jahre

85 bis
unter 90
Jahre

90 Jahre
und älter

   Pflegebedürftige absolut

2009 Info

2.338.252 1)

748.669 1)

767.052 1)

509.382 1)

313.149 1)

2011

2.501.441

775.653

821.876

522.001

381.911

2013

2.626.206

803.803

863.733

538.799

419.871

2015

2.860.293

839.856

955.830

589.665

474.942

 

 

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-03/pflegenotstand-jens-spahn-gesundheitsminister-aufwertung-pflegeberufe (aufgerufen am 28.03. 2018)

https://www.focus.de/politik/deutschland/verordnung-fuer-pflegeausbildung-bereits-erlassen-diese-drei-gesetze-will-gesundheitsminister-jens-spahn-bis-zum-sommer-durchpeitschen_id_8665674.html

(aufgerufen am 28.03. 2018)

https://www.lohnspiegel.de/html/pflegeberufe.php

(aufgerufen am 28.03. 2018)

http://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/pressemitteilungen/Presseinformation_Pflege-Thermometer2018.pdf

(aufgerufen am 28.03. 2018)

https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Pflege/Tabellen/PersonalPflegeeinrichtungen.htm

(aufgerufen am 28.03. 2018)

https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/LaenderRegionen/Internationales/Thema/BevoelkerungArbeitSoziales/Gesundheit/Pflege.html

(aufgerufen am 28.03. 2018) 

http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=3&p_aid=39586757&nummer=397&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=5327214 (aufgerufen am 28.03. 2018)

http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/WS0100/_XWD_FORMPROC(aufgerufen am 28.03. 2018) 

https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2018/02/PD18_050_23611.html

(aufgerufen am 28.03. 2018)

www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Pflegebeduerftige_Anzahl.html

(aufgerufen am 28.03. 2018)