Krankheitsbilder 

Angststörungen

Krankheitsbild Angststörungen

Autor: Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Meermann

Angsterkrankungen gehören zu den sehr häufigen psychischen Erkrankungen. Dabei verbirgt sich hinter dem Begriff „Angsterkrankung“ eine Vielzahl unterschiedlicher Beschwerdebilder, die sich unterteilen lassen nach Ängsten in bestimmten Situationen oder Ängste, die sozusagen „aus heiterem Himmel“ entstehen.

Grundsätzlich unterscheidet man folgende Angsterkrankungen:

Agoraphobie mit oder ohne Panikstörung

Die Agoraphobie gehört zu den Ängsten, die situations- oder auslöserbezogen hervorgerufen werden. D.h., man kann bei entsprechenden Angstpatienten mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, in welchen Situationen eine Angstreaktion erfolgt oder in welchen nicht. Bei der Agoraphobie sind angstauslösende Situationen vor allen Dingen:

  • Menschenmengen
  • öffentliche Plätze, volle Züge, Autobusse
  • längere Abwesenheit von zu Hause

Menschen mit Agoraphobie machen sich vor allen Dingen Sorgen darüber, dass sie an den genannten Orten im Falle einer agoraphobischen Angstreaktion entweder keine Flucht ergreifen können oder keine Hilfe finden. Die Agoraphobie ist gekennzeichnet durch Symptome wie Schwindel, Unsicherheit, Schwäche, Herzrasen, Atemstörungen, Verdauungsbeschwerden, Harndrang. Da diese Symptome sehr unangenehm sind und z.T. ein Ausmaß annehmen können, das z.B. auch der Schwere eines Herzinfarktes entspricht, neigen Menschen mit Agoraphobie häufig dazu, für sie schwierige Situationen überhaupt nicht mehr aufzusuchen, sondern im Vorfeld direkt zu vermeiden. Dies führt in gravierenden Fällen oft zu massiven Beeinträchtigungen der Alltagstauglichkeit und zu einem ausgeprägten sozialen Rückzug bis hin zu Arbeitsplatzverlust und Vereinsamung.

Die Agoraphobie als situationsbezogene Angst kann entweder als alleiniges Beschwerdebild oder in Kombination mit der sog. Panikstörung auftreten.

Panikstörung

Die Panikstörung ist eine Angst, die durch immer wiederkehrende, oft schwere Angstattacken gekennzeichnet ist. Diese treten aus Sicht der Patienten häufig aus heiterem Himmel auf und sind meistens nicht an spezielle Situationen und/ oder Umstände gebunden. Diese Erfahrung macht entsprechende Patienten häufig hilflos, da das Auftreten einer Panikstörung in aller Regel nicht vorhergesagt werden kann (und damit auch nicht vermieden werden kann wie bei der Agoraphobie). Panik-Patienten verlieren häufig das Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit des Körpers und ziehen sich zunehmend insgesamt aus dem Leben zurück, was ebenfalls zu einem großen Verlust an Lebensqualität führt.

Soziale Phobie

Bei der sozialen Phobie handelt es sich um eine Angst, die sich am ehesten beschreiben läßt als eine Sorge um die Bewertung durch andere Menschen, dies meist im Rahmen sozialer Kontakte in kleineren Gruppen oder auch im Einzelkontakt etwa mit Vorgesetzten oder anderen Autoritätspersonen. Menschen mit einer sozialen Phobie vermeiden häufig entsprechende soziale Situationen, negative Auswirkungen der sozialen Phobie können etwa sein, daß vor einer Gruppe nicht geredet werden kann, daß Hemmungen bestehen, etwa Gespräche mit Vorgesetzten zu führen oder in Gesellschaft zu essen. Die soziale Phobie kann ebenfalls z.T. sehr schwere Körpersymptome wie bei der Agoraphobie oder der Panikstörung aufweisen. Auch die soziale Phobie führt bei Nichtbehandlung im Laufe der Jahre bei entsprechender Chronifizierung zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensfähigkeit.

Spezifische Phobie

Auch die spezifische Phobie zeigt situations- und/ oder auslöserbezogene Angstreaktionen, wobei im Gegensatz zur Agoraphobie hier meistens nur eine ganz spezielle Situation im Mittelpunkt steht. Typische Auslöser sind z.B.:

  • verschiedene Tiere (Spinnenphobie, Hundephobie, Schlangenphobie)
  • Höhe (Höhenangst)
  • Spritzen/ Injektionen (z.B. Zahnarztphobie oder Spritzenphobie)

Andere klassische Auslöser sind Tunnel, Fliegen, Fahrstühle etc.

Die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch spezifische Phobien ist sehr abhängig davon, inwieweit der Auslöser eine wichtige Rolle im täglichen Leben spielt. So kann z.B. eine Zahnarztphobie oder eine Spritzenphobie auf Dauer zu massiven gesundheitlichen Problemen führen, wenn eine entsprechende Behandlung unterbleibt. Selbst der ausgeprägteste Schlangenphobiker kann aber, wenn er in einem klimatisierten Büro in einer Großstadt arbeitet, mit seiner Phobie in aller Regel recht gut leben, während die Schlangenphobie z.B. bei einem Tierpfleger durchaus gravierende berufliche Folgen haben kann.

Generalisierte Angststörung

Die generalisierte Angststörung zeigt sich darin, daß über viele oder fast alle Lebensbereiche eine anhaltende Angst vorliegt, die vor allem dadurch gekennzeichnet ist, sich über sehr viele Dinge ausgeprägte Sorgen zu machen und entsprechend zu grübeln. Patienten mit der generalisierten Angststörung zeigen sehr unterschiedliche Symptome wie ständige Nervosität („unter Strom stehen“), ständiges Zittern, Muskelverspannungen, Schwitzen, Schwindelgefühle, Magen-Darm-Probleme. Die generalisierte Angststörung weist in manchen Symptombereichen Ähnlichkeiten mit unterschiedlichen Ausprägungen der depressiven Erkrankungen auf. Was sie von depressiven Erkrankungen unterscheidet ist die Tatsache, daß Patienten mit generalisierter Angststörung keinen Verlust von Lebensfunktionen wie Antrieb, Appetit, Schlaf aufweisen.

Häufigkeit von Angsterkrankungen

Angsterkrankungen gehören zu den häufigsten seelischen Erkrankungen, je nach Art der Angsterkrankung muss man davon ausgehen, daß zwischen 10 und 25 % aller Menschen irgendwann in ihrem Leben an einer behandlungsbedürftigen Angststörung erkranken.

Infolge der Angsterkrankung kommt es häufig auch zu psychischen und körperlichen Folgeproblemen, hier sind vor allen Dingen die sog. sekundären Depressionen zu nennen oder Medikamenten- und Alkoholmißbrauch.

Warum entwickeln Menschen Angststörungen?

Grundsätzlich ist Angst entwicklungsgeschichtlich eines unserer überlebenssichernden Gefühle. Es ist ein biologisch sinnvolles Signal zur Erhaltung von Individuum und Art und stellte in früheren Zeiträumen der Entwicklungsgeschichte eine Sicherheit dar, dass durch die Alarmreaktion Angst die Menschen auf Flucht, Kampf oder Vermeidungsverhalten vorbereitet wurden. Die Angstreaktion dient dazu, Körper und Geist auf eine schnelle, kraftvolle Aktivität vorzubereiten und stellt somit eine Bereitstellungsreaktion dar. Der Ablauf dieser Angstreaktion ist, da sie in weiten Teilen reflexhaft verläuft, für viele Menschen, ist sie einmal in Gang gesetzt, nur schwer zu kontrollieren. Bei Menschen mit einer Angststörung fand aber im Laufe des Lebens ein Lernprozess statt, der dazu führte, daß die Angstreaktion nicht nur bei objektiv gefährlichen Situationen hervorgerufen wird, sondern auch bei eher harmlosen Situationen, die im Alltag häufig vorkommen. Bei der Entstehung spielen genetische Veranlagungen eine Rolle, z.T. aber auch Modelle („ängstliche Eltern haben  später ängstliche Kinder“), zusätzlich spielen in Einzelfällen auch schlechte Erfahrungen in bestimmten Situationen eine Rolle.

Behandlung von Angststörungen

Grundsätzlich lassen sich Ängste vor allem verhaltenstherapeutisch erfolgreich behandeln, bei allen Angsterkrankungen sind primär Methoden der Konfrontation (oder auch Exposition) die Methode der Wahl. Hier gilt es, die Patienten dazu anzuleiten, angstbesetzte Situationen oder auch angstbesetzte Körpersignale wie erhöhter Herzschlag, Schwitzen, Grübelgedanken bewußt hervorzurufen und die dann ausgelöste Angstsymptomatik so lange auszuhalten, bis sie von selber nachläßt. Die Expositions- oder Konfrontationstherapie ist wissenschaftlich gut abgesichert und stellt die primäre und wichtigste Behandlungsmethode zur Behandlung situationsbezogener Ängste dar.

Grundsätzlich spielen bei Angstpatienten, wie aber auch  bei allen anderen psychischen Erkrankungen, Aspekte der Lebensführung, das Vorhandensein psychosozialer Belastungsfaktoren (Eheschwierigkeiten, Schwierigkeiten mit der Erziehung von Kindern, berufliche Probleme) eine Rolle, die häufig einen Risikofaktor für die Verschlimmerung der Ängste darstellen. Deshalb wird ein verantwortungsvoller Psychotherapeut neben der Expositionstherapie mit ihnen auch immer an der Bewältigung möglicher psychosozialer Belastungsfaktoren arbeiten und die entsprechenden Kompetenzen der Patienten verbessern (z.B. Problemlösekompetenz, Selbstsicherheit, körperliche Belastbarkeit etc.).

In Einzelfällen kann es darüber hinaus notwendig sein, eine verhaltenstherapeutische Behandlung auch mit einer medikamentösen Behandlung zu kombinieren, wobei hier für vor allen Dingen bestimmte Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva in Frage kommen. Diese haben im Gegensatz zu etwa sogenannten Beruhigungsmitteln (Benzodiazepinen) kein Abhängigkeits- und Suchtpotential und sind nach einer meist kurzen Eingewöhnungsphase von 2-3 Wochen gut verträglich.

Prognose

Für alle Formen der Angsterkrankungen stehen wissenschaftlich erprobte und sehr effektive verhaltenstherapeutische und medikamentöse Behandlungsverfahren zur Verfügung. Mit konsequent durchgeführter Verhaltenstherapie unter Einschluß von Expositionstherapie lassen sich die meisten Angsterkrankungen sehr gut behandeln, so daß eine gute Möglichkeit für Patienten mit Angststörungen besteht, wieder gesund zu werden. Wichtig ist dabei aber, sich möglichst frühzeitig in entsprechende fachärztliche (psychiatrische oder psychosomatische) oder psychologisch-psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Sollten erst einmal maßgebliche soziale Einschränkungen in Familie, Freundeskreis oder Beruf vorhanden sein, werden die Heilungsaussichten deutlich schlechter.

 Portrait 

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Meermann
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Meermann

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Meermann

Nervenarzt und Psychotherapeut, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der AHG Psychosomatischen Klinik Bad Pyrmont und Präsident des Wissenschaftsrates der Allgemeinen Hospitalgesellschaft

 Klinikverzeichnis 

Klinikverzeichnis mit der Diagnose Angststörungen

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