Anzeige

Medizin im Nationalsozialismus

Während der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu einem deutlichen Paradigmenwechsel in der Medizin, der eine Abkehr von der Individualmedizin bedeutete. Ab dem Jahr 1933 versuchten die Nationalsozialisten ein medizinisches System zu etablieren, das ihre politischen Ziele unterstützen sollte.

Inhaltsverzeichnis

Die Neue Deutsche Heilkunde

Schon seit etwa den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland Stimmen, die der Schulmedizin einen zu engen Blickwinkel vorwarfen und den naturwissenschaftlichen Charakter der Medizin als Einengung medizinischer Behandlungsmethoden charakterisierten.

Diese offen geführte und sogar als „Krise der Medizin“ bezeichnete Debatte griffen die Nationalsozialisten auf. Der „Reichsärzteführer“ Gerhard Wagner veröffentlichte 1933 im Deutschen Ärzteblatt einen Artikel „An alle Ärzte Deutschlands, die sich mit biologischen Heilverfahren befassen“, in dem er deutlich zum Ausdruck brachte, dass Behandlungserfolge auch mit nicht schulmedizinischen Behandlungsmethoden zu erzielen seien. Die naturheilkundlich orientierten Ärzte aller Richtungen sollten sich zusammengefasst organisieren. Naturheilkundliche Methoden, die sich als wirksam erwiesen hätten, sollten mit der Schulmedizin verschmelzen.

Zu diesem Zweck wurde im Jahr 1935 die „Arbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ gegründet. Es folgte eine Welle von Publikationen zum Thema naturheilkundliche Heilverfahren und eine ebensolche Welle schulmedizinischer Gegenpublikationen. Die geplante Verschmelzung naturheilkundlicher und schulmedizinischer Ansätze fand nicht statt, 1937 wurde die Arbeitsgemeinschaft wieder aufgelöst.

Zentraler Paradigmenwechsel in der Medizin

Das Ziel der Unterstützung naturheilkundlich tätiger Ärzte war für die Nationalsozialisten aber nicht nur eine Debatte über therapeutische Methoden, auch wenn naturheilkundliche Verfahren sicher der Mode und Rassetheorie des alten Germanischen besser entsprochen haben als die moderne Medizin. Im nationalsozialistischen Sinn war der Gedanke der Naturheilkunde, die einen eher ganzheitlichen Zugang zur Medizin propagierte nahezu ideal, um sich im nationalsozialistischen Sinne weiterentwickeln zu lassen.

Oberstes Ziel medizinischer Bemühungen sollte nicht mehr die Behandlung einzelner Patienten sein. Die nationalsozialistische Medizin war zur Gesunderhaltung des „deutschen Volkskörpers“ bestimmt. Über den Umweg der Neuen Deutschen Heilkunde legten die Nationalsozialisten den Grundstein für die Verankerung der Ideen zur nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ in der Medizin.

Konzept der Gesundheitsführung

Das nationalsozialistische Konzept zur „Gesundheitsführung“ wurde vom stellvertretenden Reichsärzteführer Friedrich Bartels im Jahr 1936 ausformuliert. Es enthält für jeden Einzelnen gewissermaßen eine Verpflichtung zur Gesundheit um die „aufgrund seines Erb- und Rassegutes überhaupt erreichbaren Leistungsfähigkeit und Gesundheit“ des „deutschen Volkes“ zu sichern. Vor dem Hintergrund der Kriegsvorbereitungen und der dazu benötigten Arbeitskräfte war es für Bartels nicht hinnehmbar, dass Arbeiter bereits vor Erreichen des Rentenalters deutlich in ihrer Leistungsfähigkeit nachließen.

Für die Medizin bedeutete dies eine deutliche Hinwendung zum Präventionsgedanken und eine erhebliche Stärkung der Arbeitsmedizin. Beide Aspekte gelten bis heute. Für die Nationalsozialisten bedeutete das Konzept jedoch eine weitere Abkehr vom Prinzip der Individualmedizin und einen weiteren Verlust der Bedeutung des einzelnen Individuums. Entscheidendes Kriterium für die erfolgreiche Behandlung war lediglich die Bedeutung der Arbeitskraft, die es zu erhalten galt - auch zum längerfristigen gesundheitlichen Nachteil des Einzelnen.

Im Bereich der gewünschten „Wehrertüchtigung“ kamen auch dem Sport oder der Bewegungstherapie und Krankengymnastik gewichtige Rollen zu. Die von dem Sportmediziner Wolfgang Kohlrausch entwickelten Grundlagen beeinflussen die Physiotherapie bis heute.

Der Ärzteschaft erfüllte eine zentrale Aufgabe im Konzept der Gesundheitsführung. Die Neue Deutsche Heilkunde sollte den Vertrauensverlust innerhalb der Bevölkerung wettmachen, den die Schulmedizin im Zuge der Debatte um die „Krise der Medizin“ hinnehmen musste.

Wagners Nachfolger als Reichsärzteführer Leonardo Conti verbreiterte den Ansatz des Konzeptes zur Gesundheitsführung und versuchte, zum Beispiel mit Hilfe der Deutschen Lebensreform-Bewegung, "volksheilkundliche" Verfahren zu verbreiten und dadurch nicht nur der Medizin sondern jedem Einzelnen mehr Verantwortung für seine eigene Gesundheit zu übertragen.

Euthanasie und Eugenik

Im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie war die Vermischung der „arischen Rasse“ mit anderen „Rassen“ mit dem Ziel der „Volksgesundheit“ unvereinbar und sollte möglichst verhindert werden. Ebenfalls dem Gedanken der „Volksgesundheit“ abträglich war im nationalsozialistischen Sinn die Weitervererbung von Krankheiten, insbesondere von psychischen Erkrankungen und Epilepsie. Im Sinn der nationalsozialistischen Rassenhygiene wurden daher an Betroffenen Zwangssterilisationen durchgeführt, was gleichzeitig die Erhaltung ihrer „Arbeitskraft“ ermöglichen sollte.

Der Gedanke der Volksgesundheit findet seinen Ausgang in Hitlers Euthanasiebefehl aus dem Jahre 1939. Vor allem an Erb- oder Geisteskrankheiten leidende Erwachsenen und körperlich missgebildete Kinder, die als unfähig angesehen wurden, ihre Arbeitskraft für die nationalsozialistischen Ideen zur Verfügung zu stellen, sollten als „lebensunwertes Leben“ getötet werden.

Aufgrund öffentlicher Ablehnung erfolgte diese unter dem Decknamen „Aktion T4“ geplante und durchgeführte Selektion und Tötung im Wesentlichen im Geheimen. Somit wurden menschenrechtsfördernde Grundgesetze gebrochen, durch die Tötung von Menschen, die nicht dem Standard Der "NS-Gesundheit" entsprachen. Die Ns-ideologie strebte nach dem Ziel von einem reinrassigen, kerngesundem Volk.

Siehe auch

Literatur

  • Detlef Bothe: Neue Deutsche Heilkunde: 1933-45 - Dargestellt anhand der Zeitschrift „Hippokrates“ und der Entwicklung der volksheilkundlichen Laienbewegung. Berlin, Freie Univ., Diss., 1991
  • Rolf Winau, Heinz Müller-Dietz (Hrsg.): Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. H. 62; Matthiesen Verlag, Husum 1991 ISBN 3-7868-4062-8
  • Matthias Heyn: Nationalsozialismus, Naturheilkunde und Vorsorgemedizin: Die Neue Deutsche Heilkunde Karl Kötschaus. Hannover, Med. Hochsch., Diss., 2000
  • Robert Lifton, Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart : Klett-Cotta, 1988
  • Lars Endrik Sievert: Naturheilkunde und Medizinethik im Nationalsozialismus. Frankfurt (Main), Univ., Diss. 1996, auch: Mabuse Verlag, Frankfurt am Main 1996 ISBN 3-929106-28-0
  • Walter Wuttke: Medizin im Nationalsozialismus. Ein Arbeitsbuch. 2., unveränd.Aufl. Tübingen, Schwäb. Verl.-Ges., 1982

Weblinks


Wikipedia

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Medizin im Nationalsozialismus aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation . In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren des Artikels Medizin im Nationalsozialismus verfügbar.

Wichtiger Hinweis!

Die Beiträge bei www.kliniken.de im Bereich Medizin-Lexikon dienen der allgemeinen Weiterbildung. Sie können und sollen in keinem Falle die ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung ersetzen. Dies gilt insbesondere für die Beschreibungen von Erste-Hilfe-Maßnahmen, diese ersetzen auf keinen Fall den Besuch eines Erste-Hilfe-Kurses und das praktische Üben der Maßnahmen.

Das Medizinlexikon unter www.kliniken.de wird offen und ohne direkte redaktionelle Begleitung und Kontrolle bereitgestellt. Auch wenn fast alle Teilnehmer ständig daran arbeiten, die Beiträge zu verbessern, ist es möglich, dass tendenziöse, falsche, unvollständige oder verkürzte Angaben gemacht werden. So könnten auch die Gesundheit gefährdende Empfehlungen in die Texte geraten. Darüber hinaus hat medizinisches Personal Zugang zu weiterführenden Informationen, die der breiten Öffentlichkeit u.a. aus rechtlichen Gründen nicht zur Verfügung stehen oder entsprechende Vorkenntnisse voraussetzen.

Nehmen Sie niemals Medikamente (auch keine Heilkräuter) ohne Absprache mit Ihrem Arzt oder Apotheker ein!

Sie sollten daher die hier bereitgestellten Informationen niemals als alleinige Quelle für gesundheitsbezogene Entscheidungen verwenden. Bei Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall ärztlichen Rat einholen.